Ratschläge an den Kaiser aus dem Geist des Taoismus

Im letzten Feng Shui Basiskurs erwähnte unsere DFSI-Partnerin und Sinologie-Studentin Tu Phung Ngo eine Seminararbeit über das alte China, das allgemeines Interesse fand. Ich bat daher, dass uns diese Arbeit zugänglich gemacht werde. Sie liegt nun vor – und ich finde, sie passt sehr gut zu unserem Thema Feng Shui und in die Vorweihnachtszeit, in der wir alle in eine andere Stimmung und ein bißchen zur Ruhe kommen und Zeit für uns finden.
Die kleine Fantasie atmet den Geist des alten China und sagt uns viel über das Fühlen und Denken dieser Epoche im Reich der Mitte. Zu Kaiser Huangdi ein paar Notizen:
Der Erbauer der großen Mauer war ein Gewaltherrscher, der seinen Schatten über Jahrtausende geworfen hat. Bis heute überlebte sein Name nicht nur durch sein gigantisches Grabmal, umschlossen von einer 8 Kilometer langen Mauer und gekrönt von einer 47 Meter hohen Pyramide und 8000 Soldatenfiguren, die ihn bewachen sollten, sondern er einte auch das Reich der Mitte und wurde 2021 v. Chr. erster Kaiser von Gesamt-China. Legendär und berüchtigt wie seine Taten war auch die Angst des allmächtigen Kaisers vor dem Tod und das erklärt auch seine Rastlosigkeit, das Mißtrauen und die Gräueltaten zu seiner Regierungszeit. Daher war ihm das Grabmal ebenso wichtig, wie die zu seinen Lebzeiten 205 Kilometer lange Mauer. Der Wall sollte seine Macht sichern – doch in seiner Pyramide wollte er im Reich der Toten weiterregieren. Dennoch: wer an seinem Hof das Wort „Tod“ aussprach wurde  – hingerichtet. Die Skizze von Tu Phung Ngo beschreibt die letzen Tag Huangdi und seine Fehler in den Augen der Weisen.
Thomas Fröhling

Essayfrage:
Welche politischen Ratschläge würden Sie dem Ersten Kaiser der Qin-Dynastie geben, um eine möglichst lange und stabile Herrschaft zu garantieren

Mein langjähriger Freund Kaiser Qin Shi Huangdi!
Ich freue mich Dich nach einer so langen Zeit wieder zu sehen! Wie du weißt, bin ich ganze zehn Jahre durch die Wälder gewandert und habe den Sinn des Lebens endlich verstanden. Aber nun gut. Jetzt bin ich bei Dir! Du hast mich hergerufen, um von mir Ratschläge für eine lange und stabile Herrschaft zu holen. Mir ist zu Ohren gekommen, dass Du durch harte Zeiten gegangen bist.
Oh ja! Ich sehe Kummer, Leid und schiere Müdigkeit in Deinen Augen. Dein Qi lässt immer mehr nach. Schon bald bewegst du Dich auf die 49 Jahre zu. „Das Leben ist zu kurz!“ würdest Du mir, wie schon damals, entgegnen. Daran kann ich mich noch gut erinnern.

Aber nun, erschrecke Dich bitte nicht, wenn ich Dir es sogleich verraten möchte: Dein Tod naht. Das Orakel gab es mir kund.

Qin Shi Huangdi! So höre mir gut zu: Die Vergangenheit hinterlässt immer Spuren, wichtiger ist jedoch jetzt zu handeln. Es ist noch nicht zu spät. Ich sehe Hoffnung, dass Du Frieden für Deine Seele und Dein Volk finden kannst.

Wie kam es zu Deinem Unmut?

Werfen wir einen kurzen Blick auf die Vergangenheit:
Als ich neulich in der Stadt war, so beklagte sich Dein Volk und nannte Dich einen „tyrannischen Herrscher“. Deine Gier nach Größe und Macht hinterließ unzählige Tote. Tote durch etliche Kriege und massive Bauvorhaben. Ich erinnere Dich an Deinen irrsinnigsten Bau der Großen Mauer! Deine unerschöpflich geführten Kriege brachten auch in Deinem Land nur Unheil und Unruhe. Du hast Dein Volk mit Deinen Gesetzten eingeschüchtert, es unnötig misshandelt und durch Deine stattliche Besteuerung arm gemacht.
Doch, mein Freund, standest Du nicht allein mit Deinen Taten. Dein verehrter Kanzler Li Si wies Dich gezielt in die Ideologie des Legalismus ein. Li Si, ein kühner und gnadenloser Mann. Er wusste um Deine Schwäche! Als Du mit 13 Jahren König wurdest, hattest du Dich von Li Si beeindrucken und verblenden lassen. Auf seine Aufforderung hin ließest Du neben den bereits genannten grausamen Taten unschätzbar wertvolle philosophische Bücher verbrennen und unschuldige Gelehrte ermorden.
Der Legalismus hat Dir und Deinem Staat einen schlechten Ruf gebracht. Lass Dir eins gesagt sein: Einer der Begründer des Legalismus namens Han Fei war ursprünglich vom Daoismus beeinflusst. Welch eine Ironie des Schicksals! Han Fei verstand das  vom Meister Lao geschriebene Daode jing nur mit dem Kopf. Sein Herz war nicht in der Lage, es in seiner reinsten Form zu verstehen. Denn in seinen Schriften ging es um nichts anderes als Macht über andere auszuüben. Das Wort „Macht“ gibt es nicht. Es ist eine menschliche Erfindung. Die Natur ist heilig. Man sollte sie beschützen und hüten. Wer sich aber über die Natur erhebt, zerstört die Ordnung der Welt,  einschließlich die der Menschheit. Es ist also kein Wunder, dass Du vom Leben gezeichnet bist und Angst empfindest. Der Legalismus half Dir keineswegs, die Angst vor dem Tod zu nehmen.

Mein Freund! Ist Dir Dein Frieden wertvoll, so frage ich Dich, wie einst Meister
Lao fragte:

„Kannst Du Deine Kraft einheitlich machen und die Weichheit erreichen, dass du wie ein Kindlein wirst? Kannst Du Dein geheimes Schauen so reinigen, dass es frei von Flecken wird? Kannst du die Menschen lieben und den Staat lenken, dass du ohne Wissen bleibst?“

(Laotse, Daodejing Spruch 10)

Wende Dich ab von Deinem vergangenen Ich. Reinige Dein Herz. Denn

„der höchste Mensch gebraucht sein Herz wie einen Spiegel.
Er geht den Dingen nicht nach und geht ihnen nicht entgegen;
er spiegelt sie wieder, aber hält sie nicht fest.
Darum kann er die Welt überwinden und wird nicht verwundert.
[…] Bis aufs letzte nimmt er er entgegen, was der Himmel spendet,
und hat doch, als hätte er nichts.
Er bleibt demütig.“

(Chuangtse, Das wahre Buch vom südlichen Blütenland Buch VII, Spruch 6)

Ich selbst musste meinen Weg gehen, um dies zu erkennen. Jedes einzelne
Individuum wird es auf seine Art und Weise verstehen. So wie ich es verstehe, wirst Du es für Dich verstehen. Habe keine Furcht davor! Erweise Dich nun als idealer Herrscher und Dein Volk wird Dir danken. Werde dem Namen gerecht, den du Dir selbst gegeben hast: Werde der „erste Gottkaiser“.

Was ist also die Essenz, um ein Land lange und stabil zu regieren?
Ich unterscheide 2 Aspekte, auf der einen Seite die inneren Landesangelegenheiten und auf der anderen Seite die äußeren Landesangelegenheiten. Fangen wir von Innen nach Außen an:
Das Innere:
1. Lass die Menschen nicht von zu hohen Steuern verhungern. – Wenn das Volk genug Wohlstand hat, um sich zu ernähren, so erhältst Du Stabilität in Deinem Land.
2. Das Volk kann nicht regiert werden, wenn ihr Herrscher zu viele Dinge unternimmt. – Fokussiere Dich auf eine Sache und beende diese, wenn Du eine neue Sache anfängst.
3. Das Volk nimmt den Tod leicht, wenn Ihr Herrscher ihr Leben zu sehr aufs Spiel setzt. – Vermeide daher jede unnötigen Bestrafungen. Schaffe radikale Gesetze
ab.
4. Wenn der Herrscher kein Vertrauen erweckt, wir ihm niemand vertrauen. – Daher wähle Deine Worte mit Vorsicht und Bedacht. Sei ehrlich.
5. Ein weiser Herrscher leert ihre Herzen, macht also die Menschen wunschlos
glücklich, füllt ihre Bäuche, schwächt ihren Ehrgeiz, stärkt ihre Knochen, lässt sie immer ohne Kenntnis und Begierden sein. Er stellt sicher, dass die Klugen nicht wagen, feindlich zu sein. Dann gibt es nichts im Staat, was nicht in Ordnung ist! – Ich denke,  das sollte verständlich genug sein.
Dann geht es weiter zum Äußeren:
1. Waffen sind nichts für edle Menschen. Waffen sind Instrumente von übler
Vorbedeutung; sie sollten nur dann und ohne Eifer verwendet werden, wenn es keine andere Möglichkeit gibt – Verwende Waffen nur für Verteidigungen. Kriege bringt nur Leid.
2. Das Töten von großen Menschenscharen betrauern wir mit Sorge und Schmerz.
Den Sieg in der Schlacht preisen wir mit einer Totenfeier. – Auch wenn der Krieg vorbei ist, wurden unschuldige Menschen zum Opfer. Daher gibt es keine Siegesfeier, sondern nur weiterhin Trauer.
3. Ein guter Krieger stellt seine Macht nicht zur Schau, ein guter Kämpfer kämpft nicht mit blinder Wut, ein guter Eroberer führt nicht Krieg mit seinem Feind. –
Sei klug, in dem Du Feinde als Freunde siehst. Damit vermeidest Du Streit und
Krieg.

Ich habe Dir nun alles gesagt. Meine Aufgabe ist damit getan. Jetzt bist Du dran, zu entscheiden. Was sagt Dein Herz, Qin Shi Huangdi? Welcher Weg ist für Dich  bestimmt? Was kann Dein Volk erwarten? Ein Volk zu führen, heißt auch sich selbst führen zu können.

Darum sorgt, dass die Menschen sich an etwas halten können. Zeigt Einfachheit, haltet fest die Lauterkeit! Mindert Selbstsucht, verringert die Begierden! […]So werdet ihr frei von Sorgen.

(Laotse, Daodejing Spruch 19)

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